"Die Vergangenheit kennen"

Veröffentlicht am 08.11.2020 in Allgemein

Ein Gastbeitrag von Pastor i. R. Gottfried Berndt aus Soltau im Heide-Kurier vom 07.11.2020:

Am 9. November 1938 riefen die Nationalsozialisten zur sogenannten „Reichskristallnacht“ (heute: Reichspogromnacht) auf, der von den Machthabern organisierten und gelenkten Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen der Juden im gesamten Deutschen Reich. Auch in Soltau schlugen die Nazis zu. Nicht in der Nacht vom 9. auf den 10. November, sondern am Vormittag des 10.: Die Ausschreitungen richteten sich gegen Sally Lennhoff und seine Familie, die einzigen Juden, die in Soltau ein Geschäft betrieben, und zwar in der Marktstaße 8.

„Frau Lennhoff ist ausgewandert, Zahlungen irgendwelcher Art sind nicht mehr zu erwarten. Von einer Weiterbearbeitung des Vorgangs kann daher abgesehen werden.“ Mit dieser Aktennotiz vom 14. Oktober 1949 - unterschrieben vom Stadtinspektor in Soltau - endet die Akte „Wiedergutmachung Lennhoff“ (Quelle: Archiv der Stadt Soltau).

Mit dieser Notiz scheint die Akte „Lennhoff“ geschlossen und damit erledigt zu sein. Aber mit dem Schließen der Akte können die Ereignisse vom 10. November 1938 mit deren Folgen und deren Vorgeschichte nicht „ad acta“ gelegt werden. In seiner Rede zur Reichspogromnacht hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1998 zu Recht betont, dass keine Gesellschaft und kein Staat ohne Erinnerung leben können: „Ohne Erinnerung zu leben bedeutet ja, ohne Identität und damit ohne Orientierung zu leben. Wenn wir nicht blind in die Zukunft gehen, sondern Ziele und Maßstäbe haben wollen, müssen wir wissen, woher wir kommen, und das gilt nicht nur ab­strakt und allgemein, sondern ganz konkret.“

Das bedeutet für Soltauer Bewohner, sich immer wieder auch an das Schicksal der Familien Lennhoff und Feilmann erinnern zu lassen. Die Ereignisse am 9./10. November 1938 machten deutlich, dass sie als Bürger mit jüdischer Religion keine Zukunft mehr in der Stadt Soltau und auch in Deutschland hatten. Durch Augenzeugenberichte und Schilderungen von damaligen Schülern ist der Ablauf der Ereignisse in Soltau am 10. November ziemlich genau bekannt:

Ab 8 Uhr versammeln sich SA-Verbände, Menschen aus Soltau, vor dem Textilgeschäft in der Markstraße 8; Sally Lennhoff und sein Schwiegersohn Harry führen dieses Geschäft. Über dem Laden befindet sich die Wohnung der Familien Lennhoff und Feilmann. Immer mehr Menschen strömen in die Marktstraße, schließlich werden auch Schulklassen aus der nahen Freudenthalschule in die Marktstraße geführt.

 

Vertreter der Stadtverwaltung haben zunächst das Firmenschild zerschlagen, dann sind Steine in die Schaufenster geflogen. Das Geschäft und auch die Wohnung werden gestürmt, Betten, Kleidung, Mobiliar werden unter Gejohle der Zuschauenden aus den Fenstern geworfen; ein Teil auf die Straße, ein Teil auf zwei Anhänger, die inzwischen vor das Geschäft gefahren wurden.

Schließlich wird der 66jährige Sally Lennhoff in „Schutzhaft“ genommen und ins Rathaus gebracht, dem damaligen Sitz des Amtsgerichts. Auf dem Weg dorthin muss er sich Sprüche anhören wie „Hallo, die Synagoge brennt, der Jude Sally Lennhoff steht im Hemd“ und auch einige Knüppelhiebe einstecken.

Harry Feilmann hat sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht und wahrscheinlich bei Nachbarn versteckt. Er und auch sein Schwiegervater kamen in das KZ Sachsenhausen. Feilmann wurde am 17. November entlassen, Lennhoff erst am 14. Dezember.

„Für mich war dieses Ereignis das Ende meiner Kindheit“, sagte die damals 9jährige Enkeltochter von Sally Lennhoff, Ursula Sasso, geborene Feilmann, 2013 in einem Interview mit Andres Wulfes von der Böhme Zeitung.

Feilmanns hatten das Glück noch am 30. Dezember 1938 in die USA auswandern zu können, Lennhoffs verließen Soltau Mitte Januar 1939 mit ihrer Tochter Selma in Richtung Bremen. Selma übersiedelte im April von Bremen nach England und von dort in die USA.

Sally und Ida Lennhoff werden am 24. Juli 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort kommt Sally Lennhoff am 26. November 1943 ums Leben, seine Frau überlebt den Krieg im Ghetto.

Zwar kommt sie nach dem Krieg im Juni 1946 noch für kurze Zeit nach Soltau, wohnt in ihrem ehemaligen Haus in der Marktstraße zur Miete und führt einen für sie scheinbar vergeblichen Kampf um die Rückgabe ihres Grundbesitzes.

Mit ihrer Auswanderung in die USA zu ihren Töchtern endet eine über 200jährige Geschichte, die von gelungenem und misslungenem Zusammenleben zwischen nichtjüdischen und jüdischen Soltauern erzählt.

In ihrem Buch „Soltau 1918-1948“ im Kapitel „Die jüdische Bevölkerung und ihre Behandlung im Dritten Reich“ auf der Seite 118 gibt Dr. Ulrike Begemann Erinnerungen von Soltauern über ihre Begegnungen mit der Familie Lennhoff wieder. In Gesprächen wurde von Sally Lennhoff beinahe nur positiv berichtet: Dass er zum Beispiel Jahr für Jahr einer Konfirmandin oder einem Konfirmanden aus einer mittellosen Familie die Konfirmationskleidung schenkte, dass er bis zum Jahr 1932 zum Jugendschützenfest jedes Jahr 24 Strohhüte stiftete.

Aus anderen Quellen ist bekannt, dass Sally Lennhoff intensive Kontakte zu den Mitbewohnern in Soltau pflegte. Er engagierte sich im Radfahrerverein Soltau und in der Schützengilde. Dem Radfahrerverein verdanken wir zwei Bilder, auf denen Sally Lennhoff zu sehen ist: 1907 vor dem Soltauer Ratskeller und 1926 die Vereinsmitglieder vor den gesammelten Trophäen. 1913 wurde er der 100. Schützenkönig der Soltauer Schützengilde. Die „Soltauer Nachrichten“ berichten, dass Lennhoffs zu den ersten Familien im Kreis Soltau gehören, die 1923 Kinder aus dem Ruhrgebiet aufnahmen. Wegen der Besetzung durch Franzosen und Belgier leisteten die Bewohnerinnen und Bewohner passiven Widerstand, und Kinder aus dem Ruhrgebiet sollten aus dem Konflikt herausgehalten werden.

Der Besitz eines zweiten Hauses in Soltau und einer Geschäftsfiliale in Munster lassen darauf schließen, dass die Geschäfte von Lennhoffs gut gingen. Anzeigen in Soltauer Zeitungen, in Adressbüchern und Stadtführern weisen immer wieder auf seine Geschäfte in Soltau und Munster hin. Ein weiteres Indiz für die gut gehenden Geschäfte ist 1928 die Hereinnahme seines Schwiegersohnes Harry Feilmann in sein Unternehmen.

Der Boykott seines Geschäftes am 1. April 1933 lässt ahnen, dass jüdische Geschäfte nicht mehr gut gelitten sind in Deutschland. Die Aufforderung „Kauft nicht mehr bei Juden“ zeigt im Laufe der Jahre auch bei Lennhoff Wirkung: Er gibt seine Filiale in Munster auf, er zieht mit dem Wagen über Land, um seine Waren loszuwerden. Schließlich tritt er Anfang August 1938 in Verhandlungen ein, um sein Haus in der Marktstraße 8 zu verkaufen.

Warum ist das Wissen um diese Ereignisse wichtig? „Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht in den Griff bekommen!“ (Golo Mann). Nur wer die Vergangenheit kennt, kann Anfängen wehren, wo Menschen zu Sündenböcken gemacht werden, ausgegrenzt werden, weil sie eine andere Religion oder Kultur haben. Nur wer die Vergangenheit kennt, tritt dem Antisemitismus, Rassismus entgegen.

 

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